Von neuen Galaxien und rückwärtszählenden Uhren

Seit dem Wintersemester 2016/17 bietet Prof. Dr. Guido Kramann aus dem Fachbereich Technik das Wahlfach „Künstlerische Forschung“ an – für fast alle Masterstudiengänge der THB. Außer Informatik. Fünf Studierende sind bei der „Premiere“ des Wahlfachs dabei. Anfang Februar präsentieren sie ihre Abschlussarbeiten im Landesmuseum.

Eine Felge als Mandala, eine Uhr, die rückwärts läuft (und damit den Stress verringern soll) und ein Projekt das zeigt, was passiert, wenn wir die Dinge, die wir nicht mehr brauchen, recyceln, statt sie einfach wegzuschmeißen: die Ideen von Marouane Alaya, Yusof El Hajmohamad, Lisa Jakobi, Franziska Nabrdalik und Ameen Shandhor sind so unterschiedlich wie sie selber. Sie alle sind in ihrem Masterstudium in den Studiengängen TIM, ENEF und CARE/Maschinenbau eingeschrieben. Im Wintersemester 2016/17 belegen sie ein gemeinsames Wahlfach: Künstlerische Forschung. Für eine technische Hochschule ein eher ungewöhnliches Angebot.


Der Kurs
Dabei geht es nicht um Kreativitätstechniken – sondern um die Art, die Welt zu sehen und auch die eigene Arbeit einzuordnen. „Ingenieurinnen und Ingenieure wenden Techniken und Methoden an, die Umwelt und Gesellschaft oft verändern. Gleichzeitig prägt das berufliche Umfeld, die Arbeit, auch die Art und Weise der Ingenieurinnen und Ingenieure, die Welt zu sehen und die Dinge zu bewerten, “ erläutert Prof. Dr. Guido Kramann seine Intention.

Das neue Fach künstlerische Forschung soll helfen, hier ein Bewusstsein zu schaffen „Dies geschieht aber nicht durch die Einführung in ein systematisches Gedankengebäude, beispielsweise zu Technikethik oder Technikfolgenabschätzung, sondern durch die Sensibilisierung für meistens nicht wahrgenommene Eigenheiten der Dinge.“

In der Theorie bezieht er sich auf die Phänomenologie und deren Begründer Edmund Husserl. Husserl fordert, sich vorschneller Weltdeutungen zu enthalten und sich bei der analytischen Betrachtung der Dinge an das zu halten, was dem Bewusstsein unmittelbar erscheint. "In der Regel übersieht man, dass man sich sehr schnell ein Bild von den Dingen macht und vergisst, wie viele Bedeutungen das Objekt noch haben kann,“ erklärt Kramann.

Als Beispiel nennt er die Sonne. Ingenieurinnen und Ingenieure fällt dann ein: Energiespender. Was fehlt sind die Assoziationen wie etwa Strand oder Sonnenaufgang. Ein anderes Beispiel: wir sehen einen Kühlschrank und wissen, was es ist. Man könnte sich ja auch einfach draufsetzen. Dann wäre er ein Hocker.

Vermitteln will Professor Kramann die Methodik durch die Kunst und hier die Richtung, Dinge in einem anderen Kontext zu betrachten. Dazu liest und schreibt er mit den Studierenden auch Haikus. Haiku ist eine traditionelle, japanische Gedichtform, die heute weltweit verbreitet ist. Das Haiku gilt als die kürzeste Gedichtform der Welt. Ein Beispiel:

     Neue Galaxie entdeckt

    ich rühre im Kaffee

    Jörg Rakowski:  Stolz, Rainer & Wenzel, Udo (Hg) (2012). Haiku hier und heute. München: Deutscher Taschenbuch Verlag

Die Studentin
Franziska Nabrdalik ist Ingenieurin. Damit ist sie es gewohnt, sämtliche Zusammenhänge nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip zu untersuchen und immer einen möglichen Lösungsvorschlag in petto zu haben. In ihrem anschließenden Wirtschaftsstudium hat sie diese Methode um die Faktoren Effizienz und Effektivität erweitert. Der Kurs Künstlerische Forschung brachte noch mehr neue Erkenntnisse: „Dieser Kurs lehrte mich eine andere und vor allem sensiblere Wahrnehmung meiner Umwelt.“ In ihrem Projekt ‚Die Felge als Mandala‘ wollte sie eine neue Perspektive auf bekannte Zusammenhänge zeigen.

„Die Idee kam mir, als ich mit dem Auto im Stau stand“. Die Felgen eines Autos haben sie an Mandalas erinnert: „Das wirkte irgendwie entspannend und beruhigend auf mich. Ich habe mich entschieden, mich nicht zu ärgern – sondern in der gewonnenen Zeit bewusst zu entspannen.“  Mit ihrem Kunstprojekt will sie diese Erfahrung weitergeben. Da sie gern näht, entstand die Idee, aus vielen Radkappen ein Mandala erzeugen und eine Patchworkdecke herzustellen. „Beim Patchworken geht es darum, aus alten Stoffresten etwas Neues zu schaffen. Auch bei dem Projekt wird aus etwas Altbekanntem etwas Neues."
Die Ausstellung

Einen Einblick in alle künstlerischen Projekte des Semesters gibt es am 7. Februar, 15:30 Uhr im Landesmuseum im Paulikloster, Neustädtische Heidestraße 28.

Wer ebenfalls Interesse an Künstlerische Forschung hat: Das Wahlfach wird im Wintersemester mit 4 SWS für alle Masterstudiengänge der THB (außer Informatik) angeboten und mit 7,5 Credit Points angerechnet.

Fragen an Prof. Dr. Guido Kramann

guido.kramann@th-brandenburg.de

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